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Datum/Zeit
Date(s) - 05/04/2019
20:00 - 22:00

Veranstaltungsort
Potemkin

Kategorien


Freiheit ist keine Metapher

Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik

Vojin Saša Vukadinović (Hg.)

 

Die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen hat einmal bemerkt, dass vermutlich jede Bewegung irgendwann ihre eigene Karikatur hervorbringt. Der Genderfeminismus, der Antirassismus und der Queerfeminismus sind ebendies: Karikaturen geschlechter-, migrations- und sexualpolitischer Emanzipationsregungen. Der Sammelband nimmt diesen pessimistischen Befund zum Ausgangspunkt, um über den Verrat an der Mündigkeit nachzudenken, der sich in den letzten zehn Jahren besonders in den vorgenannten Bereichen kenntlich gemacht hat. Am Beispiel von Antisemitismus, Migration, Rassismus und Religionskritik zeigen rund dreißig Beiträge, wie fatal die Konsequenzen einer Haltung sind, die nur noch in Kollektiven zu denken vermag, die dann entweder als Gruppenidentität eingefordert oder aber ressentimentbeladen bekämpft wird; der als politische Organisationsformen nur noch „Koalitionen“ und „Verbündete“ einfallen und die zudem längst vergessen hat, dass Kritik ein Mittel dazu ist, um schlechte Verhältnisse nicht hinzunehmen.

Am 5. April laden wir zwei der Autor*innen ein, ihren  Beitrag aus dem Sammelband vorzustellen.

Tara Falsafi wird zu ihrem Text: „Für immer fremd-bestimmt? Zum Vorwurf ein Token zu sein. Eine materialistisch-feministische Perspektive“

und Krsto Lazarević wird zu seinem Text: „Verhinderte Rechte – Eine Kritik der „Kritischen Weißseinsforschung“ in Deutschland“ sprechen. Weitergehende Ankündigungstexte siehe unten:

 

Für immer fremd-bestimmt? Zum Vorwurf ein Token zu sein Eine materialistisch-feministische Perspektive.

Vortrag von Tara Falsafi

Begrifflich ist ein Token ein “Zeichen” eine symbolhafte Geste. Der Ursprung des Begriffes findet sich bei Martin Luther King. In einem Artikel für die New York Times beschrieb er 1962 das Konzept des Tokenismus als eine Minimalakzeptanz von schwarzen Personen in eigentlich weiß dominierten Bereichen, um die schwarze Bewegung zu besänftigen und vermeintliche Akzeptanz für Schwarze im Generellen aufzuzeigen.

Der Begriff des Tokenismus erfuhr durch Forschungen von Roseboth Moss Kanter in den 1970er Jahren in einer Organisationsstudie eine neue Bedeutung. Token werde hier als eine Gruppe extremer Minderheiten beschrieben, wie etwa vereinzelte Frauen in klassischen Männerberufen.

Kritisiert werden in beiden Definitionen die ausbeuterischen Verhältnisse, in denen sich die sogenannten Token befinden. Es gibt die Erkenntnis, dass Ausbeutung durch Lohnarbeit gerade Frauen und nichtweiße Personen verhäuft in besonderer Härte trifft. Doch anstatt an diese Punkte anzuknüpfen und die Netzwerke zu analysieren, in denen Rassismus, Patriarchat und Kapitalismus aufeinandertreffen, fällt die Verantwortung im queerfeministischen Spektrum durch den Begriff token-hier verwendet als Äquivalent für Alibikanakinnen ohne eigenständige Meinung- auf jene zurück, welche am meisten unter diesen Umständen zu kämpfen haben: Nicht-weiße, prekär lebende Frauen.

Hinter diesem Konflikt steht ein politischer Kampf um öffentlichen Raum und Richtung, welchem wir uns stellen müssen. Welche Themen umfasst die “Gesamtheit” einer materialistisch- feministischen Perspektive für die Zukunft und welche Felder des Antirassismus fehlen ihr aktuell, um den Kampf um Raum und Öffentlichkeit, mit genügend Schlagkraft führen zu können?

 

Verhinderte Rechte – Eine Kritik der „Kritischen Weißseinsforschung“ in Deutschland.

Vortrag von Krsto Lazarević

Die Fetische „Kultur“ und „Identitätspolitik“ haben in Teilen der Linken den Kampf um die größtmögliche Freiheit aller Individuen abgelöst. Sogennante Sprechorte gelten mehr als Argumente. Die Suche nach objektiven Wahrheiten und daraus folgende Analysen wurden durch persönliche Befindlichkeiten abgelöst.

Exemplarisch hierfür steht die kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Mehr noch: Sie teilen viel mehr Argumente mit Vertretern der Neuen Rechten, als ihren Anhängern bewusst sein dürfte. In der antiegalitären Forderung, dass die Differenzen verschiedener Kulturen um jeden Preis und um ihrer selbst Willen zu schützen seien, unterscheiden sich weite Teile der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland in nichts von den Forderungen neurechter Denker wie Alain de Benoist. Dabei ist die Essenzialisierung von Menschen auf Grundlage ihrer Hautfarbe und Herkunft eine rechte Kulturpraxis, die sich niemand aneignen sollte – auch nicht, um eine gutgemeinte Identitätspolitik zu fahren.

„Kritische Weißseinsforschung“ ist in Deutschland ein universitärer Diskurs mit stark ausgeprägtem aktivistischen Bedürfnis. Die CW-Gemeinde hat keinen Begriff und kein Verständnis von der Geschichte migrantischen Widerstands in der Bundesrepublik, welcher mit diesen akademischen Mittelschichtsbefindlichkeiten wenig bis nichts gemein hat. Eine Essenzialisierung von Rassekategorien ist nicht zwingend in der Critical Whiteness verankert, aber ihre Anhängerschaft in Deutschland hat dies forciert. „Kritische Weißseinsforschung“ verfehlt daher ihr Ziel, entwickelt keine Strategien gegen Rassismus und bleibt letzten Endes wegen ihrer moralischen Strenge vor allem eins: sehr deutsch.