Datum/Zeit
Date(s) - 30/04/2019
18:00 - 20:00

Veranstaltungsort
Universität Bielefeld X-E0-200

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Aufzunehmen ist zunächst die allgemeine Frage, was Dialektik sei? Diese Frage suggeriert, es handele sich um eine Methode, die unabhängig vom Ge­genstand bestimmt, gelernt und auf jedes mögliche Objekt anwendbar sei. Dieser Erwartung entsprechenden die geläufigen Vorurteile über Dialektik, etwa die Formel: ‚These – Antithese – Synthese’. Diese Vorurteile projizie­ren die Form der Methoden positiver Fachwissenschaften auf die Form einer dialektischen Theorie der Gesellschaft. Die Vorurteile sind nicht zu verwer­fen, sondern als Ausdruck einer Gesellschaft aufzuklären, in der die Verhält­nisse bewußtlos zu einer fixen, den Subjekten entfremdeten Objektivität ver­dinglicht sind.
Marx hat die Dialektik deshalb als eine Denkweise bestimmt, die „ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.“ Dialektik sei die Aufklärung be­wußtloser gesellschaftlicher Verhältnisse, zentrales Moment der revolutionä­ren Verwirklichung einer vernünftigen Gesellschaft, in der die Menschen sich ihrer selbst und ihrer Verhältnisse bewußt sind. In einer solchen Gesell­schaft hätte die Dialektik ihren Gegenstand verloren.
Dialektik ist also nicht zu fixieren, nicht auf Formeln zu reduzieren, sondern exemplarisch und im gesellschafts-geschichtlichen Kontext vorzuführen. Der dialektischen Kritik der politischen Ökonomie von Marx entspricht nicht der Versuch, das „Wesen“ des Kapitalismus zu begreifen, indem man dieses auf einem Niveau begreift, das von allen Besonderheiten der bisherigen Epochen der bürgerlichen Politik-Ökonomie abstrahiert, sondern indem man Marx’ Dialektik selbst gesellschaftsgeschichtlich, als „ihre Zeit in Gedanken er­faßt“, begreift. Erst dann eröffnet sich die Perspektive einer dialektischen Kritik der Politischen Ökonomie des gegenwärtigen neoliberalen Kapitalis­mus, die auf eine revolutionäre Praxis verweist.Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt lehrte von 1979 bis 2009 am Institut für So­ziologie der Universität Hamburg. Seitdem arbeitet er als freier Schriftsteller in Hamburg.