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Datum/Zeit
Date(s) - 17/04/2018
18:00 - 20:00

Veranstaltungsort
Universität Bielefeld, X-E1-203

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Was ist Kritische Theorie?
Wenngleich Karl Marx durchaus zu einem positiven Begriff von Wissenschaft tendierte, war seine im langen 19. Jahrhundert formulierte Kritik der politischen Ökonomie ein „Programm der Abschaffungen“ (Karl Korsch), sein Materialismus eine Polemik gegen die kapitalistischen „Naturgesetze“ und die ihnen entspringenden notwendig falschen Bewusstseinsformen, Ziel seiner Kritik ein unmittelbar praktisches: die Revolution. Die Welt, die die Gruppe junger linker Intellektueller um Max Horkheimer Anfang der 1930er Jahre auf den Begriff zu bringen versuchte, war indes eine andere geworden. Hatte Marx noch darauf hoffen können, dass die der bürgerlichen Gesellschaft immanenten Widersprüche „Umwälzungsfermente“ erzeugten, in denen das Proletariat zur revolutionären Tat schritte, war an solchen revolutionstheoretischen Vorstellungen nicht mehr festzuhalten. Der nationale Freudentaumel von 1914, das Scheitern der Revolution in Mitteleuropa und die zunehmende Faschisierung, kurz: die Integration der Arbeiterklasse in den Kapitalismus im Prozess der reellen Subsumtion offenbarten den Zeitkern der Marx’schen Lehre. Angesichts dieser Entwicklungen ging es dem Kreis um Horkheimer um eine Reformulierung der Kritik der politischen Ökonomie auf der Höhe der Zeit.
Demgegenüber bedeuteten die die Massenvernichtung der europäischen Juden reflektierenden Überlegungen Horkheimers und Theodor W. Adornos ab Beginn der 1940er Jahre bei aller Kontinuität einen Unterschied ums Ganze: Die historische Entwicklung selbst zwang den Autoren der „Dialektik der Aufklärung“ eine radikale Reflexion der barbarischen Tendenzen menschlicher Zivilisation, der Aporien von Vernunft und Aufklärung durch das Prisma Auschwitz auf – und damit auch die Einsicht, dass sich an die revolutionäre Theorie des Instituts für Sozialforschung aus den 1930ern nicht anschließen lässt.
Der Vortrag wird versuchen, diese Entwicklungen kursorisch nachzuzeichnen. Dabei soll – in Anbetracht der nimmermüden Versuche „kritischer Wissenschaftler“ und linker Aktivisten, die Kritische Theorie für ein positives sozialwissenschaftliches Programm „urbar“ zu machen oder den „Geltungsanspruch“ (Detlev Claussen) des revolutionären Marxismus im Hier und Jetzt einzuklagen – an das außerakademische Interesse wie die Reflexion auf außertheoretische Erfahrung erinnert werden, die das Denken Adornos und Horkheimers von traditioneller Theorie scheidet.
Hannes Keune, 27, lebt und studiert in Göttingen.